Holocaust - Gegen das Vergessen

 
Sophie und Hans Scholl
 
Vor 80 Jahren: Ermordung von Hans und Sophie Scholl
(21.02.2023)
 

Am 22. Februar 1943 wurden die Geschwister Hans und Sophie Scholl in München von Nationalsozialisten hingerichtet. Die beiden Mitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" hatten Flugblätter gegen den Nationalsozialismus verteilt.
 
Am 18. Februar 1943 wurden die Studenten Hans und Sophie Scholl in der Münchner Universität festgenommen, weil sie ein Flugblatt der studentischen Widerstandsgruppe "Weiße Rose" vor den Hörsälen im Hauptgebäude ausgelegt hatten. Dabei wurden sie von einem Hausmeister beobachtet, der sie bei der geheimen Staatspolizei des NS-Regimes, der Gestapo denunzierte. Der 24-jährige Hans Scholl und seine drei Jahre jüngere Schwester Sophie gehörten zu den Gegnerinnen und Gegnern des Nationalsozialismus. "In einem Staat rücksichtsloser Knebelung jeder freien Meinungsäußerung sind wir aufgewachsen", hieß es im beschlagnahmten Flugblatt. "Es gibt für uns nur eine Parole: Kampf der Partei!"
 
 
Gegen das Vergessen - Der Mord an unzähligen Juden, Sinti und Roma - Gedenktag 27. Januar

Jakow Wintschenko

Soldat der Roten Armee, die das Vernichtungslager Auschwitz am 27. Januar 1945 befreite
 
"Es war kein Wachtraum, ein lebender Toter stand mir gegenüber. Hinter ihm waren im nebligen Dunkel Dutzende anderer Schattenwesen zu erahnen, lebende Skelette. Die Luft roch unerträglich nach Exkrementen und verbranntem Fleisch. Ich bekam Angst, mich anzustecken, und war versucht wegzulaufen. Und ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Ein Kamerad sagte mir, wir seien in Auschwitz. Es war uns klar, dass etwas Schreckliches über diesem Ort lag: Wir fragten uns, wozu all die Baracken, die Schornsteine und die Räume mit den Duschen gedient hatten, die einen seltsamen Geruch verströmten. Ich dachte an ein paar Tausend Tote – nicht an Zyklon B und das Ende der Menschlichkeit."
(Zitiert in der Rede von Dr. Jochen Palenker, Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, zum 65. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 2010 in Berlin)
 
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" ... Aber diese Wüste ist Bewährung zur großen Freiheit, nicht endültiges Schicksal. "  Pfarrer Alfred Delp, 1907-1945
„Wie lange ich nun hier warte, ob und wann ich getötet werde, weiß ich nicht. Der Weg hierher bis zum Galgen nach Plötzensee ist nur zehn Minuten Fahrt. Man erfährt es erst kurz vorher, dass man heute und zwar gleich ‚dran‘ ist. Nicht traurig sein. Gott hilft mir so wunderbar und spürbar bis jetzt. Ich bin noch gar nicht erschrocken. Das kommt wohl noch. Vielleicht will Gott diesen Wartestand als äußerste Erprobung des Vertrauens. Mir soll es recht sein. Ich will mir Mühe geben, als fruchtbarer Samen in die Scholle zu fallen, für Euch alle und für dieses Land und Volk, dem ich dienen und helfen wollte“
Alfred Delp aus Berlin Plötzensee am 2. Februar 1945
Das Urteil wurde am gleichen Tag in Plötzensee vollstreckt, seine Asche wurde auf den Berliner Rieselfeldern verstreut. Auf dem Weg unter den Galgen sagte er zum Gefängnispfarrer: „In wenigen Augenblicken weiß ich mehr als Sie.“
 
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Wir wollen mit Gottvertrauen
in die Zukunft schauen,
und uns gegenseitig stützen,
denn wahre Liebe überwindet
alle Bosheit der Welt.
Seliger Pater Engelmar Unzeitig CMM, 1911-1945
 
Am 2. März 1945 starb Pater Engelmar Unzeitig im Konzentrationslager Dachau.
 
Jüdisches Gebet - Übersetzung
El Male Rachamim
 
El malej Rachamim, schochen baMromim,
hamze Menuchah nechonah,
tachat Knafej haSch'chinah,
beMaalot Keduschim, Tehorim veGiborim,
keSohar haRakia mas'hirim.
LeNish'mot cHajalej Z'wa Haganah l'Jisrael
sche naflu beMilhamoth Jisrael,
biPe'uloth Haganah, Tagmul veBitahon,
beEt Miluj Tafkidam, ubaEt Sherutam,
uleNishmoth khal Lohamej haMachtaroth
vaChatiwoth haLohamim beMa'arakhoth ha'Am
schecherfu Nafsham laMaveth alKedushath haShem
vebeEsrath Elohej Ma'arakhoth Jisrael
hewiu liTkumath haUmah vehaMedinah
veliGe'ulath haArez ve'Ir haElohim.
Vekhal eleh schenirzehu baArez umichuzah lah,
biJdej haMerazhim meIrgunej haTeror.
Baawur scheAnu mit'palelim leIluj Nischmotehem,
lachen Baal haRachamim jastirem beSeter Knafaw leOlamim
wejizror biZror haChajim et Nischmotejhem.
Adonaj hu Nachlatam,
beGan-Eden tehe Menuchatam,
wejanuchu beSchalom alMischkewotejhem.
Wejaamidu leGoralam leKejz haJamim.
Wenomar: Amejn.
Gott voller Erbarmen,
 
in den Himmelshöhen trohnend,
es sollen finden die verdiente Ruhestätte
unter den Flügeln Deiner Gegenwart,
in den Rängen der Heiligen, der Reinen und der Helden
strahlend wie der Glanz des Himmels,
die Seelen der Gefallenen der Streitkräfte zur Verteidigung Jisraels,
die gefallen sind in den Kriegen Jisraels,
bei Verteidigungs-, Vergeltungs- und Absicherungsaktionen,
in Erfüllung ihrer Pflicht, während ihres Dienstes,
und die Seelen aller Kämpfer der Untergrundbewegungen und der Brigaden,
die kämpften in den Rängen des Volkes
und ihr Leben einsetzten und zu Tode kamen,
in Heiligung Deines Namens;
und mit G'ttes Hilfe die Erhebung des Volkes und die Erstehung des Staates
und die Erlösung des Landes und der Stadt G'ttes erreicht haben.
Und all jene die im Lande und ausserhalb des Landes,
durch die Hände der Mörder aus den Terrorkommandos gemordet wurden.
Sieh die gesamte Gemeinde betet für das Aufsteigen ihrer Seelen,
so berge sie doch Du,
Herr des Erbarmens im Schutze deiner Fittiche in Ewigkeit
und schließe ihre Seelen mit ein in das Band des ewigen Lebens.
Gott sei ihr Erbbesitz,
und im Garten Eden ihre Ruhestätte,
und sie mögen ruhen an ihrer Lagerstätte in Frieden.
Und sie mögen wieder erstehen zu ihrer Bestimmung
am Ende der Tage.
 
 
 
Gedenkveranstaltung "...abgeholt!" zur Erinnerung an den Beginn der nationalsozialistischen Deportationen von Juden aus Berlin vor 80 Jahren - Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
Gedenkveranstaltung "...abgeholt!" zur Erinnerung an den Beginn der nationalsozialistischen Deportationen von Juden aus Berlin vor 80 Jahren
Die Rede von
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
 
Berlin, 18. Oktober 2021
 
 
Wir sind hier an einem besonderen Ort zusammengekommen: Bahnhof Berlin-Grunewald, Gleis 17 – das hört sich doch so unscheinbar an, so nebensächlich, so alltäglich und schnell wieder zu vergessen.
 
Und tatsächlich. Nur wer weiß, welche Geschichte sich hinter dieser Ortsangabe verbirgt, welche Tragödien sich hier abgespielt haben am Gleis 17, Bahnhof Berlin-Grunewald, nur der weiß, wie keineswegs nebensächlich, sondern wie zentral dieser Ort war. Wie wesentlich er für ein abgründiges, grauenhaftes Geschehen steht, dessen wir heute gedenken.
 
Vor achtzig Jahren begann die Deportation der Juden aus Berlin "nach dem Osten", wie es unbestimmt und verschleiernd hieß, die Deportation der Jüdinnen und Juden, die nicht geflohen waren, die nicht emigrieren konnten oder wollten, denen aber nun jeder Ausweg versperrt war, als ihnen die Ausreise verboten wurde. Überall im Deutschen Reich begann im Oktober 1941 die systematische Deportation der jüdischen Bevölkerung.
 
Manche haben es gewusst, viele geahnt und gefürchtet: Von hier aus, vom Bahnhof Grunewald, wie auch vom Anhalter Bahnhof oder vom Güterbahnhof Moabit, begann – direkt oder auf einem Umweg – der Weg in die Vernichtung, der Weg in den Tod für die Juden Berlins.
 
Achtzig Jahre sind eine lange Zeit, mehr als zwei Generationen – und doch berührt uns alle, die wir hier sind, dieses Geschehen immer noch ganz unmittelbar. Unter uns sind Menschen, deren Angehörige, Eltern oder Großeltern, von hier aus in den Tod transportiert wurden.
 
Noch immer tragen wir Deutschen an der Schuld, die Täter, Helfer, Unterstützer des planmäßigen Mordes an den europäischen Juden auf sich geladen haben. Noch immer verspüren wir die Scham darüber, dass Mitbürgerinnen und Mitbürger aus der Mitte der Gesellschaft ausgesondert wurden: schikaniert, entrechtet, enteignet – und schließlich auf die Fahrt in den Tod geschickt. An deren Ende waren sie aus Schwäche oder Hunger gestorben oder wurden erschossen oder vergast. Ihre Leiber wurden in Massengräbern verscharrt oder verbrannt. "Ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng", wie es in der "Todesfuge" Paul Celans heißt. Keine Spur sollte mehr bleiben, kein Name, keine Erinnerung.
 
Damit sie damit aber nicht endgültig vergessen sind, damit ihr Schicksal vielmehr erinnert wird, das Leiden und Sterben der Opfer genauso wie die Untaten der Henker und ihrer Helfer, genau dafür haben wir Zeiten und Orte, so wie diesen Tag heute und diesen Ort hier. Inge Deutschkron hat vor zehn Jahren angeregt, am 18. Oktober jeweils an die Deportationen zu erinnern.
Und damit wir hinter den schieren Zahlen der Deportierten und Ermordeten, die uns wegen ihrer Größe zu Recht immer wieder erschrecken, nicht unverwechselbare Lebensschicksale vergessen, ist es gut, sich immer wieder einen einzelnen Namen, ein einzelnes Leben zu vergegenwärtigen.
 
Auf der Einladung zu dieser Veranstaltung mit dem furchtbaren Wort "…abgeholt!" als Überschrift ist ein Foto von Sara Frieda Raphaelson, genannt Frieda, abgebildet. 1899 in Mönchengladbach geboren, eines von sechs Kindern, deren Vater ein Textilfabrikant und Musikmäzen war. Sie hatte als Schneidermeisterin in Berlin gearbeitet, sie war eine jener selbstbewussten modernen Frauen, wie man sie in den Städten der Weimarer Republik immer häufiger antreffen konnte.
 
Als alleinstehende Jüdin wurde sie vor genau achtzig Jahren, am 18. Oktober 1941, beim ersten Transport in das "Ghetto Litzmannstadt", polnisch Łódź, deportiert. Am Morgen des 8. Mai 1942 wurde Frieda Raphaelson mit 60 weiteren Leidensgenossen in einem geschlossenen Kastenwagen mit Abgasen getötet und in einem Massengrab im nahen Chelmno verscharrt.
 
Indem wir heute ganz besonders ihrer gedenken, ihres Lebensschicksals und ihres Todes, erinnern wir uns, dass alle, die hier von Gleis 17 abtransportiert worden sind – oder von Moabit oder vom Anhalter Bahnhof oder von den anderen Orten des Deutschen Reiches und aus den von den Deutschen besetzten Ländern –, dass sie alle ein individuelles, besonderes Schicksal hatten, einen Namen. Wir erinnern uns, dass sie alle eine Heimat hatten, die sie liebten, eine Familie, dass sie alle Väter, Mütter, Partner, Geliebte, Kinder oder Enkel waren; dass sie ihre Sehnsüchte hatten und ihre Ängste, ihre Hoffnungen und ihre Träume: ein ganz eigenes, einmaliges Leben. Und dass ihnen allen das selbstverständliche Recht, dieses eigene Leben zu führen, verweigert worden war; dass alle, die nicht rechtzeitig flüchten konnten, brutal ermordet wurden.
 
Nur wenige Zeit nach dem ersten Deportationszug, hier aus Grunewald, wurde – nur zwei S-Bahn-Stationen entfernt von hier – in einer Villa am Wannsee der Mord an den europäischen Juden endgültig beschlossen. Die Akten der Wannsee-Konferenz, die dieses barbarische Vorhaben wie einen bürokratischen Verwaltungsakt erscheinen lassen, machen noch immer sprachlos. Es sind aber gerade diese und viele andere Akten, es sind gerade die furchtbaren bürokratischen Verfahren, die uns bis heute vermitteln, wie viele Menschen tatsächlich daran beteiligt waren, wie viele Menschen davon gewusst haben, wie viele Menschen mehr als nur eine Ahnung davon haben mussten, was mit den Juden geschehen sollte, die aus ihrer Mitte eliminiert wurden.
 
"Aus der Mitte der Gesellschaft: Ausgegrenzt, abgeholt, vernichtet", so heißt eine sehr lehrreiche Broschüre, die Studierende aus Potsdam und Berlin mit der Moses-Mendelssohn-Stiftung erarbeitet haben. Sie liegt uns heute vor und soll bald im Schulunterricht eingesetzt werden. Einige aus dem studentischen Team sind heute hier, denen ich für ihr Engagement herzlich danke.
"Aus der Mitte der Gesellschaft": Ja, das ist die immer wieder erschütternde Tatsache. Das Verbrechen ereignete sich vor aller Augen, das Ausgrenzen und das Abholen geschah mitten im deutschen Alltag, das ist die grausame Wahrheit – wenn auch die eigentliche Ermordung und Vernichtung in den eroberten und besetzten Gebieten im Osten stattfand.
 
Was ein Augenzeuge aus Königsberg berichtet, gilt sicher auch für Berlin und andere deutsche Städte:
"Als schuldlos Verfemte gingen [die bepackten Juden] durch Straßen, in denen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die ehemaligen Mitbürger, Patienten, Kunden, Freunde oder Nachbarn untätig danebenstanden, zusahen oder wegsahen. Einige ganz gewiss mit bitteren Gefühlen und dem Wissen um das schlimme Unrecht und die eigene Ohnmacht. Aber an den zurückgelassenen Gütern, Häusern, Wohnungen, Möbeln, Büchern und beruflichen Vakanzen profitierte in der Regel bedenkenlos, wer Gelegenheit dazu hatte."
 
Wie bürokratische Genauigkeit sich mit Habgier mischte, beschreibt der Historiker Götz Aly: Jeder deportierte deutsche Jude musste im Sammellager eine Vermögenserklärung abgeben. Die Enteignungsakten einer Berliner Familie, die erhalten sind – so berichtet er –, "beginnen mit der Versiegelung der Mietwohnung, führen über die Beitreibung auch von geringsten Außenständen zur Schätzung des Inventars durch den Obergerichtsvollzieher bis hin zur Schlussabrechnung. Was an Geld übrig blieb, wurde an die Hauptkasse des Deutschen Reiches abgeführt, also zugunsten der deutschen Mehrheit sozialisiert".
Viele haben mitgemacht, viele haben das Verbrechen bürokratisch exekutiert, viele haben davon auch profitiert. Das gilt auch für die Deutsche Reichsbahn, die die Deportationen durchführte – und ich bin dankbar dafür, dass die Deutsche Bahn Teile dieser Vergangenheit beleuchtet und uns heute drei junge Menschen, die bei der Deutschen Bahn arbeiten, von jüdischen Eisenbahnern berichten werden, die ebenfalls deportiert wurden.
 
Wir können in diesen Tagen der Vergangenheit nicht gedenken, ohne uns bewusst zu sein, dass unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger immer wieder und immer stärker antisemitischen Hetzreden und antisemitischen Angriffen ausgesetzt sind. Zwar ist richtig: Wir gedenken unserer ermordeten jüdischen Mitbürger zuerst um ihrer selbst willen, um ihrer eigenen Würde willen. Wir gedenken aber auch des vergangenen Unrechts, um immer wieder unseren gesellschaftlichen und politischen Willen zu stärken, dem Antisemitismus die Stirn zu bieten. Jüdinnen und Juden haben einen selbstverständlichen Platz in unserer Gesellschaft. Jüdische Kultur ist nicht nur Teil der deutschen Kultur, sie hat sie zutiefst geprägt und reich beschenkt.
 
An einem Tag wie heute und an einem Ort wie diesem sagen wir: Nie wieder soll ein Zug das Gleis 17 verlassen. Nie wieder nach Theresienstadt, nie wieder ins Ghetto Litzmannstadt, nie wieder nach Auschwitz. An einem Tag wie heute und an einem Ort wie hier sagen wir deshalb auch: Nie wieder darf Antisemitismus einen Platz in unserer Gesellschaft haben. Nie wieder dürfen antisemitisches Denken und Handeln ohne Widerspruch und ohne öffentliche Reaktionen bleiben. Das ist unsere Verantwortung aus der Geschichte!
 
 
Rede von Inge Auerbacher aus Kippenheim bei Lahr vor dem Bundestag 2022

Rede von Inge Auerbacher zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2022

 
Sehr verehrte Frau Bundestagspraesidentin Bas,
Sehr geehrter Herr Knesset-Präsident Levy,
Sehr geehrter Herr Abgeordneter Dr. Schaeuble,
Liebe Abgeordnete und Gaeste des Deutschen Bundestages,
Meine Damen und Herren,
Ich danke herzlich fuer die Einladung!
 
Wer bin ich?
Ich bin ein jüdisches Maedel aus dem badischen Dorf Kippenheim und dem schwäbischen Jebenhausen-Göppingen. Ich wurde am 31. Dezember 1934 in Kippenheim geboren. Juden und Christen wohnten friedlich zusammen. Ich war das letzte jüdische Kind, das dort geboren wurde. Ich blieb ein Einzelkind von Berthold und Regina Auerbacher.

Papa war im Ersten Weltkrieg Soldat in der deutschen Armee und wurde schwer verwundet. Er ist mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Sein Beruf war Textilhändler. Mama stammte aus dem schwäbischen Jebenhausen. Ihre Mutter, meine Oma, kam aus einer großen Familie mit 14 Kindern, von denen vier Brüder im Ersten Weltkrieg kämpften. Zwei gaben ihr Leben für das deutsche Vaterland. Meine selige Oma wurde von den Nazis ermordet und liegt in einem Massengrab in Bikernieki, einem Wald in der Nähe von Riga in Lettland. Berthold Auerbach (eigentlich hieß er Moses Baruch Auerbacher) war ein Mitglied meiner Familie und war im 19. Jahrhundert ein sehr bekannter Schriftsteller. Nach ihm ist auch heute wieder eine Straße in Berlin benannt.
Ich wohne seit 75 Jahren in New York, aber habe noch die grauenhafte Zeit des Schreckens und Menschenhasses gut im Gedächtnis. Leider ist dieser Krebs wieder erwacht und Judenhass ist in vielen Ländern der Welt, auch in Deutschland, wieder alltäglich. Diese Krankheit muss so schnell wie möglich geheilt werden. 
 
Wir waren eine glückliche Gemeinde in Kippenheim, bis der Frieden unseres ruhigen Dorfes gestört wurde. Am 9. und 10. November 1938 fanden in Deutschland gewaltsame Ausschreitungen und Übergriffe gegen die Juden statt. Dieses Ereignis wird heute Pogromnacht genannt.  

Das Pogrom fand in Kippenheim am 10. November statt. Ich war in dieser Zeit noch nicht einmal vier Jahre alt. Die Nazi-Rowdies schmissen Backsteine durch die Fenster. Ein Stein hat mich beinahe getroffen.
Unsere Synagoge wurde nicht niedergebrannt wegen der Feuergefahr für die christlichen Häuser in der Nachbarschaft.

Alle Männer über 16 Jahren wurden in KZs gebracht.

Opa und Papa wurden in das KZ Dachau transportiert, wo sie in der Baracke 16 untergebracht wurden. Nach einigen Wochen wurden sie entlassen und kamen nach Hause. Sie erzählten von den furchtbaren Torturen und Misshandlungen, die sie erleiden mussten.
Es war Zeit Deutschland zu verlassen. Wir verkauften unser Haus in Kippenheim 1939 und Papa verlor sein Geschäft. Wir zogen zu den Großeltern in Jebenhausen mit der Hoffnung, bald Deutschland zu verlassen. Aber die Türen zum Auswandern wurden bald geschlossen.
Opa starb an einem Herzleiden.
 
Immer wieder kamen neue antisemitische Bestimmungen und Gesetze gegen Juden. Viele der Einwohner von Jebenhausen hielten an ihrer Freundschaft mit uns fest. Obwohl den Christen und Nachbarn der Umgang mit Juden verboten war. Einige Bauern versorgten uns manchmal mit Lebensmitteln. Die meisten Kinder spielten auch weiter mit mir.

Dann war ich sechs Jahre alt. Es war Zeit für den Schulanfang. Jüdische Kinder durften nicht mehr die staatlichen Schulen besuchen. Ich musste zu Fuß drei Kilometer nach Göppingen gehen und dann eine Stunde mit dem Zug nach Stuttgart zur jüdischen Schule fahren. Diese war die einzige jüdische Schule in der Gegend. Ich brauchte einen Sonderausweis für diese Reise, denn Juden durften sich nicht mehr frei bewegen. Zuerst brachte mich Papa in die Schule. Später mussten meine Eltern Zwangsarbeit in einer Fabrik in Göppingen leisten. Ich fuhr dann alleine zur Schule. Die Fahrt zur Schule wurde noch gefährlicher, als ab dem 1. September 1941 alle Juden über sechs Jahren den gelben Davidstern tragen mussten. Manche christliche Kinder verhöhnten und piesackten mich. 
 
Eines Tages ließ eine Frau eine Tüte mit Brötchen neben meinem Sitz liegen. Sie muss meinen gelben Davidstern erblickt haben und hatte Mitleid mit dem kleinen Mädchen, das so ganz allein im Zug fuhr. Die Deportationen nach dem Osten begannen Ende 1941. Meine Oma und die meisten Kinder der jüdischen Schule wurden nach Riga in Lettland deportiert. Die Schule in Stuttgart wurde bald geschlossen bevor ich die erste Klasse beenden konnte.
Wir mussten das Haus meiner Großeltern in Jebenhausen verlassen und wurden in einem „Judenhaus“ in Göppingen einquartiert. Im August 1942 wurden meine Eltern und ich und andere Juden in der Turnhalle der Schillerschule in Göppingen versammelt. Unser Gepäck wurde durchsucht.
Einer der Aufseher fand Gefallen an einer Holzbrosche, die ich angesteckt hatte und nahm sie von mir. Er brüllte: „Du brauchst das nicht wo du hingehst.“ Dann riss er meine Puppe aus meinen Armen und untersuchte sie, ob ich etwas versteckt hätte. Tränen ergossen sich über meine Wangen. Ich war überglücklich, als er meine Puppe Marlene wieder in meine Hände gab. Von Göppingen ging es nach Stuttgart zu dem Sammellager Killesberg, wo wir am 22. August 1942 mit einem zusammengesetzten Transport von Juden aus Württemberg in das KZ Theresienstadt deportiert wurden.

Ich war sieben Jahre alt und die Jüngste von ca. 1.100 Personen, von denen meine Eltern und ich und ganz wenig andere überlebt haben. Es dauerte ca. zwei Tage, bis wir zusammengedrängt in einem überfüllten Personenzug den Bahnhof von Bauschowitz erreichten. Wir wurden empfangen vom Brüllen der Aufseher: „Lasst alles liegen und nehmt nur eure Bettrolle und das Blechgeschirr. Losmarschieren! Kein Widerstand!“ Wachleute mit Peitschen umringten uns. Meine Eltern gingen jeder auf einer Seite von mir, um mich vor Schlägen zu schützen. Ich hielt meine Puppe fest im Arm. Wir gingen ungefähr drei Kilometer.

Es war sehr schwer für die älteren Leute, diesen langen Weg zu laufen. Wir wurden durch einen Bogeneingang in einer großen Kaserne im Dachgeschoss auf dem kalten Boden ohne Betten untergebracht. Überall wimmelte es von Menschen. Theresienstadt bestand aus riesigen Backsteinkasernen und alten, halb zerfallenen Häusern. Das KZ war von der Außenwelt durch hohe Mauern, Holzzäune und Stacheldraht völlig abgeschlossen. Die Verbindung nach draußen war strengstens verboten. Am 10. Oktober 1941 hatten Reinhard Heydrich, Adolf Eichmann und andere Nazigrößen Theresienstadt zum Durchgangslager für Juden vor ihrer Vernichtung bestimmt. Die Nazis tarnten das Lager für Propagandazwecke als Musterghetto und machten eine verlogene Show für das Internationale Rote Kreuz 1944.
 
Die Gefangenen kamen aus mehreren Ländern aus Europa. Sie waren ältere und prominente Menschen, und viele waren mit Orden ausgezeichnete Kriegsteilnehmer aus dem Ersten Weltkrieg. Das Leben im KZ Theresienstadt war besonders schwer für solch ein junges Kind. Es gab keinen Ausweg; nur die Gaskammern in Auschwitz, zu verhungern, Selbstmord oder an Krankheiten zu sterben. Die Familien, Männer, Frauen und Kinder mussten meistens getrennt voneinander nächtigen, aber sie durften sich besuchen. Ich konnte glücklicherweise mit meinen Eltern im Quartier der Kriegsversehrten bleiben. Wir schliefen auf Strohsäcken eng zusammengepfercht auf zwei oder dreistöckigen Pritschen.

Wir Kinder wurden schnell selbstständig. Die wichtigsten Wörter für uns waren: Brot, Kartoffel und Suppe. Das ganze Leben drehte sich um Essen. Es gab nur Latrinen, die weit weg waren. Wenige Male bekamen wir Erlaubnis, uns zu duschen. Unser Spielplatz war ein faulriechender Abfallhaufen. Hier wühlten wir stundenlang herum und hofften, einen Schatz zu finden: Halb verfaulte Rüben und Kartoffelschalen, bei denen man noch einen essbaren Schnitz abschneiden konnte. Schule war für uns Kinder verboten. Heimlich lehrten uns manche etwas lesen und schreiben. Das wurde dann Beschäftigung genannt.  

Für meine Puppe machte ich aus einem schmutzigen Pappkarton ein Bett am Kopfende der oberen Pritsche, wo ich zusammen mit meinen Eltern schlief. Eines Tages entdeckte ich in dem Karton eine tote Maus, ebenfalls ein Opfer des Hungers. Immer wieder gab es Epidemien wegen des Mangels an hygienischen Einrichtungen und weil wir so zusammengepfercht leben mussten. Typhus war eine große Gefahr. Wir waren sehr von Ratten, Mäusen, Föehen, Läusen, und Wanzen geplagt. Immer wieder wurden Leute abtransportiert – meistens nach Auschwitz.

1944 mussten alle Kriegsversehrten nach alphabetischer Reihenfolge sich bei der Kommandantur melden. Sie hatten keine Ahnung, dass es sich dabei um eine Auswahl für die Deportation nach Auschwitz handelte. Wir teilten unsere Pritsche mit einer Familie namens Abraham aus Berlin. Sie hatten eine gleichalte Tochter Ruth Nelly, die wie ich auch ein Einzelkind war. Ihr Vater hinkte an einem Fuß und war verwundet worden im Ersten Weltkrieg. Unsere beiden Väter gingen zur gleichen Zeit zur Kommandantur. Einige Wochen später waren alle drei im Transport nach dem Osten. Wie ein Wunder sind wir zurückgeblieben.

Ruth und ich waren wie Schwestern und wir versprachen, uns gegenseitig zu besuchen: Sie nach Jebenhausen und ich nach Berlin: 
„Liebe Ruth, ich bin hier in Berlin, um dich zu besuchen!“ 
 
Ruth und ihre Eltern wurden ermordet in einer der Gaskammern in Auschwitz. Sie erlebte noch nicht einmal ihren zehnten Geburtstag. Am 8. Mai 1945 sind wir endlich von unserem Elend durch die Rote Armee befreit worden. Von 140.000 Personen, die nach Theresienstadt deportiert wurden, sind 33.000 dort gestorben und 88.000 überwiegend in Auschwitz oder anderen Lagern ermordet worden.

Wir waren 15.000 Kinder und nur wenige davon sind am Leben geblieben; darunter wie ein Wunder bin auch ich.
 
Die Stadt Stuttgart holte die wenigen Überlebenden ab. Wir wohnten nur neun Monate in Göppingen und emigrierten im Mai 1946 nach New York. Ich war elf Jahre alt. Meine Eltern fanden Arbeit bei einer reichen Familie; meine Mama als Dienstmädchen und mein Papa als Diener. Amerika war für mich wie ein Zauberland. Aber leider wurde ich aus dem Traum bald geweckt. Ich hatte einen bösen Husten und man brachte mich zum Arzt. Nach seiner Untersuchung teilte er meinen Eltern mit: „Ihre Tochter ist schwer krank und hat Tuberkulose in beiden Lungen. Sie muss sofort ins Krankenhaus.“  
Der Arzt erklärte meinen Eltern, dass diese Krankheit von den drei Jahren im KZ herstammte, wo ich unterernährt und im Dreck leben musste. Ich wurde in ein staatliches Krankenhaus gebracht. Ich konnte es kaum glauben: „Jetzt werde ich wieder eingesperrt!“ Die Tränen rannten wie Flüsse über mein Gesicht. Ich musste zwei Jahre dauernd im Bett liegen und schmerzhafte Untersuchungen erleiden. Endlich hatten meine Eltern eine Wohnung in Brooklyn und nahmen mich nach Hause. Nach einigen Monaten war ich in einem noch schlechteren Zustand mit Lungenblutungen und ganz kraftlos.
Ich betete zu Gott: Bitte lass mich nicht sterben, ich will leben!
 
Wie ein Wunder ist Streptomycin, das erste Antibiotika gegen Tuberkulose erfunden worden. Dafür gab es auch den Nobelpreis. Ich musste wieder ein Jahr im Bett liegen. Aber ich war heilfroh, dass mich die schmerzhaften Spritzen an Streptomycin geheilt haben. Endlich mit 15 Jahren ging ich in die Schule und absolvierte die High School in drei statt vier Jahren. Die Wissenschaft interessierte mich sehr. Ich begann an der Uni Chemie zu studieren. Nach ein paar Wochen erkrankte ich wieder und musste nochmals zwölf Monate im Bett verbringen und bekam zwei Spritzen und 26 Pillen täglich. 
Endlich ging ich wieder in die Uni und vollendete mein Studium. Ich arbeitete 38 Jahre als Chemikerin in medizinischer Forschung und klinischer Arbeit. 
 
Summa summarum

Soviel ich weiß, bin ich das einzige Kind, das unter allen Deportierten aus Stuttgart zuückkehrte

20 Personen von unserer Familie sind von den Nazis ermordet worden
3 Jahre KZ Theresienstadt
4 Jahre im Bett wegen der schweren gesundheitlichen Folgen
8 Jahre Schulverlust
4 Jahre Stigmatisierung, den Judenstern zu tragen
Stigma wegen der bösen Krankheit, die Partner daran hinderte, mich zu heiraten.
Ich durfte nie ein Brautkleid tragen.
Ich werde nie Mama oder Oma werden.

Aber ich bin glücklich und die Kinder der Welt sind meine.

Ich schließe mit meinem Herzenswunsch: Menschenhass ist etwas Schreckliches. Wir sind alle als Brüder und Schwestern geboren. Mein innigster Wunsch ist die Versöhnung aller Menschen. Entzünde heute eine Kerze zur Erinnerung an die ermordeten unschuldigen Kinder, Frauen und Männer.
Entzünde eine Kerze für das Leben und halte die Dunkelheit zurück.
Sei Hüter deiner Schwestern und Brüder, dann wird dein Glück immer blühen.
Wir sind alle als Kinder Gottes geboren.

Für Einigkeit und Frieden öffnen sich die Tore.
Die Vergangenheit darf nie vergessen werden.
Zusammen wollen wir beten für Einigkeit auf Erden.
Lasst uns gemeinsam einen neuen Morgen sehen.
Dieser Traum soll nie verlorengehen.

Vielen Dank.
 
 
Von guten Mächten wunderbar geborgen
 
Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
 
Von Dietrich Bonhoeffer (1906 - 1945)
 
 
Dietrich Bonhoeffer, Von guten Mächten, in seinem Brief an Maria von Wedemeyer aus dem Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts in Berlin, Prinz-Albrecht-Straße, 19. Dezember 1944. Erstmals veröffentlicht 1951 in: Eberhard Bethge (Hrsg.), Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft.